Y u k o n   Q u e s t ™ - R e p o r t a g e n


Informationen zum härtesten Hundeschlittenrennen der Welt:
Bilder, Videos, Audioberichte, Listen der Gewinner/Musher und Links.
Das nächste Yukon Quest™ Rennen startet im Februar 2001.

Yukon Quest
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Yukon Quest Reportagen
Exklusiv bei Alaska-Dogmushing: Peter Kamper
© Copyright Peter Kamper

R E P O R T

Trail Geschichten

Seit dem spaeten Mittwochabend hatten die Freiwilligen am Streckenposten "Mile 101" fast durchgearbeitet um alles am laufen zu halten. Nun war es Freitagnacht, Tim Osmar hatte schon die Quest gewonnen und Bill Pinkham, ein anderer Musher hatte grade erst Central, einen Streckenposten vor uns, verlassen.
Die Strecke uber Eagle Summit bedarf mit guten Hunden je nach Wetter ungefaehr 5-6 Stunden und wir rechneten damit, dass Bill gegen 2 Uhr morgens bei uns auftauchen wuerde, worauf ich mir den Wecker auf 1 Uhr 45 stellte und in meinen Schlafsack in der hintersten Ecke der Huette kroch.
Bill Pinkham
Das Wetter hatte sich zusehendst verschlechtert und Windboen trieben schon vor Sonnenuntergang grosse Schneeschwaden ueber das Eis des kleinen Flusses neben unserem Streckenposten.
Als ich dann 3 Stunden nach dem Einschlafen von meinem Wecker wach wurde, war Kevin, unserer Elektronikfachmann und Funker, schon auf. Ich schleppte ich mich an den kleinen Tisch neben dem Ofen, goss mir eine Tasse Kaffee ein und wir grinsten uns beide verschlafen an. Keiner von uns wollte wirklich wach sein, aber wir leisteten uns gegenseitig Gesellschaft.
Nach ein paar Schluck Kaffee oeffnete ich die wackelige Huettentuer und ging hinaus in die Dunkelheit um in Richtung des Berges zu gucken. Irgendwo dort oben sollte in Kuerze die Stirnlampe des Mushers auftauchen.
Die Temperaturen waren auf -20 C gesunken und eine heftige Windboee, die in Sekunden durch einen Wollpullover und zwei T-Shirts drang, trieb mich zurueck zur Huette.
Zwischendurch sassen wir am Tisch, redeten oder schwiegen. Die Stille wurde nur von dem prasseln des Feuers im Ofen und den Windboen unterbrochen, die an dem kleinen, zugigen und baufaelligem Gebaeude ruettelten. Die Kerze auf dem Tisch flackerte, die Gaslaterne zischte leise und es wurde 3 Uhr.
Gegen 4 Uhr wurde das Wetter deutlich schlechter. Wir waren alle 15 Minuten nach draussen gegangen um nach einem Licht auf dem Berg zu suchen, aber es herrschte absolute Dunkelheit und der treibende Schnee verhuellte Himmel und Berg auf gleiche Art.
Wir riefen Central ueber Kurzwelle um herauszufinden ob Bill umgekehrt war, bekamen allerdings keine Antwort. Dort schliefen alle. Das Warten wurde zusehenst ungemuetlich und selbst der Kaffee liess an Wirkung zu wuenschen ueberig. Bill Pinkham liess zu lange auf sich warten.
Wir redeten ueber die lange Nacht in der wir vor Jahren auf Jerry Louden gewartet hatten.
Damals war Aily Zirkle noch seine Betreuerin gewesen und nicht die beruehmte Musherin, die sie heute ist. Sie kam in unseren Streckenposten und half sofort beim kochen und betreuen der anderen Musher. Louden kam erst, als wir schon eine Rettungsaktion starten wollten.....,nach 8 Stunden. Sein Schlitten war durch einen Felsen angebrochen worden. Gegen 5 Uhr waren auch diese 8 Stunden vorbei und ich fand mich mit dem Kopf auf dem Tisch und halbgeschlossenen Augen. "Kevin",witzelte ich,"haeng das "heute geschlossen"-Schild an die Tuer". Wir lachten. Es ist interessant, dass nach Tagen in der einsamen Huette unsere Witze immer duemmer und unser Gelaechter immer lauter wurde. Der Wind heulte draussen vor der Tuer und ich legte Holz im Ofen nach. Bei Tagesanbruch weckten wir Monti, unseren Trailbreaker. Er hat ueber 10000 km Wildnis und Berge in Alaska auf Motorschlitten befahren, ist unsere Ein-Mann Rettungsmannschaft und sollte nun auf den Berg. Central wachte gegen 7 Uhr auf und zeigte sich erstaunt, dass Bill noch nicht bei uns war.
Als Monti seinen grossen und unverschaehmt teuren Motorschlitten starten wollte, war der Vergaser eingefrohren. Wir schleppten die Maschine in den Windschatten und versuchten sie in Gang zu bringen waehrend fast alle unanstaendigen Woerter der englischen Sprache die nicht im Lexikon stehen mindestens dreimal benutzt wurden. Die Lage wurde ernst. Pinkham war seit ueber 10 Stunden auf Eagle Summit,der eine der schwierigsten Stellen der Quest darstellt und wir verschwendeten keine Sekunde daran zu denken,dass er dort campiert haette. Monti startete seinen Motorschlitten endlich, setzte seinen Helm auf und verschwand dem Trail Richtung Berg folgend im treibenden Schnee.
45 Minuten spaeter kehrte er zurueck und 5 Minuten hinter ihm lief Bill Pinkham ein, setzte den Schneehaken fuer sein Team und begann seine Hunde wortlos zu fuettern. Sein Overall von arktischem Kaliber war mit Eis und Schnee bedeckt,sein Gesicht bleich und er schien wackelig auf den Beinen. Mit verbissenem Stoismus betrat er allerdings unsere Huette nicht bevor seine Hunde in tiefem Heu lagen und gefressen hatten. Als ich Monti fragte, was los war warf er mir nur einen Blick zu und runzelte die Stirn.
"Frag ihn",meinte er. "Der Kerl ist halbtot..." Als Bill dann in die Huette kam waren die Reisverschluesse an seinem Anzug so vereist, dass es einige Zeit brauchte, bis er sich am Ofen aus seinem Anzug "herausbrechen" konnte und zeigte alle Zeichen akuter Auskuehlung.
Mit einer Tasse heissen Tees erzaehlte er dann seine Geschichte nahe am gluehenden Ofen waehrend wir ihm eine riesige Portion Ruehreier mit Speck auf unserem kleinen Gasherd machten. Waehrend draussen der Sturm nachliess, der die umliegenden Berge ueber Nacht in seinen Faengen gehalten hatte, begannen wir wieder einmal zu verstehen, wieso Eagle Summit so gefaehrlich ist:
Bill verliess Central gegen 9 Uhr abends. Seine Hunde hatten lange gerastet und er war ein erfahrener Musher. Obwohl er aus Colorado kam, hatte er schon mehrere Rennen in Alaska gefahren.
Zuerst kaempfte er sich durchs Tal zum Eagle Summit durch und fand viel offenes Wasser auf dieser Strecke.(Dies nennt sich Overflow; Wasser, das durch das Flusseis an die Oberflaeche gedrueckt wird und selbst bei -40 C offene Wasserstellen bilden kann). Obwohl er und seine Hunde dort nass wurden machte ihm dies keine Sorgen. Ausruestung und Hunde sind an Overflow gewoehnt und er hatte diese Situation taeglich auf dem Trail erlebt.
R E P O R T

Bill Pinkham

Aus dem Tal herauskommend begann er Eagle Summit zu besteigen und der Wind nahm zu, waehrend die schon von Neumond und treibendem Schnee verminderte Sicht zu einem Problem wurde. Um so hoeher er stieg um so verwehter war auch der Trail, bis nur noch eine weisse Ebene und gelegendlich die von den Trailbreakern gesteckten Markierungen zu sehen waren.
Wind nahm weiter zu und Schnee trieb in Schwaden. Bill dachte daran umzukehren. Allerdings waren seine Hunde gesund und wohl ausgeruht, also entschied er sich dafuer trotz allem ueber den Gipfel "101 Mile" erreichen zu wollen.
Der Trail zum Gipfel hat mehrere scharfe Biegungen und in einer dieser Kurven muessen Bill und sein Leithund den Trail verpasst haben. Auf jeden Fall fuhr er spaeter in absoluter Dunkelheit fuer 20 Minuten durch treibenden Schnee ohne Markierungen zu sehen und wusste ploetzlich, dass er vom Weg abgekommen war.
Dies kann passieren und obwohl ungewoehnlich, ist in der Yukon Quest und fuer Musher von Pinkhams Kaliber kein grosser Aufwand. Er gab seinem Team im peitschenden Wind einen Happen zu essen, liess die Hunde sich in den Schnee graben und verkroch sich in seinen Schlafsack im Windschatten des Schlittens. Das Wasser im Tal und der Schnee den der Wind an seinem Anzug festgesetzt hatte, liessen ihn allerdings bald merken,dass dies falsch gewesen war:
"Ich war fast eingeschlafen als meine Hose nass zu werden begann und danach mein Hemd. Ploetzlich wurde mir klar, dass ich einen grossen Fehler begangen hatte. Aller Schnee und das Eis vom Overflow begann an meinem Anzug aufzutauen und nach kurzer Zeit war ich bis auf die Unterwaesche nass. Kurzer Hand stieg ich aus dem Schlafsack und begann Kreise um mein Team zu laufen um warm zu bleiben waehrend der Wind so stark wurde, dass die treibenden Eiskristalle im Gesicht schmerzten.
Dann entschloss ich mich nach dem Trail zu suchen und arbeitete mich in einer Querlinie den Berg hoch. Der Schnee war tief, aber ich wusste, dass irgendwo nahe bei eine Markierung und der Trail sein musste. Im treibenden Schnee ist es leicht Halluzinationen zu sehen. Hochragende Felsen sehen wie Gipfel aus, freigewehtes Geroell wird zu "Booties" (Stoffsocken fuer Hunde. Musher wechseln diese oft und lassen die abgewetzten "Booties" am Trail liegen). Er glaubte also den Trail gefunden zu haben...
Aber nun gab ich auf und wollte zu meinen Hunden zurueckkehren. Als ich allerdings umkehrte, konnte ich nach 200 Metern meine eigenen Spuren nicht mehr sehen und wusste sehr bald, dass ich einen riesigen Fehler begangen hatte. Zuerst konnte ich den Trail nicht finden, nun aber fand ich den Weg zurueck zu meinen Hunden nicht mehr!
Auf einem Berghang zu stehen auf dem der Wind einen fast umwirft und die Stirnlampe im treibenden Schnee nicht weiter als 20 Meter reicht waehrend die Kaelte langsam in den Koerper dringt ist ein recht miserables Gefuehl....
Ich grub mir eine Kuhle im Schnee und legte mich hinein. An diesem Punkt war mir klar, dass mir nichts anderes uebrig blieb als auf das Tageslicht zu warten." Er schuettelte den Kopf und man sah deutlich, wie die Bilder der langen Nacht durch sein Gedaechnis liefen.
Wir hingen natuerlich alle gebannt an Bills Lippen, als er die Geschichte erzaehlte. Inzwischen hatte ich ihm eine riesige Portion Ruehrei mit Speck und Brot vor die Nase gestellt und er begann riesige Happen in seinen Mund zu schaufeln.
"Verdammt nochmal", meinte er lachend und mit vollem Mund. "Obwohl es kaum moeglich ist wuerde ich sagen dass dies das beste Fruehstueck ist, das ich je im Leben gegessen habe."
Gedankenverloren fuhr er dann mit seiner Geschichte fort: "Ich schlief in einer Art Foetusposition ein, nachdem ich die Kule gegraben hatte. Wie lange ich schlief, weiss ich nicht. Allerdings hatte ich einen Traum in dem ich mich selbst von hoch oben im Schnee erfrohren liegen sah. Einfach so, mit Schnee an den Wimpern und allem drum und dran. Das hat mich aufgeweckt.
Ich bin mit einem Ruck hochgefahren und Schnee fiel von mir ab als ich aus der zugeblasenen Kuhle hochschoss. Ich glaube nicht, dass ich je so schnell aufgewacht bin und das war eigendlich der einzige Augenblick, wo ich wirklich Angst hatte. Weit im Osten wurde der Himmel hell und ich fuehlte mich fast warm und leicht gelaehmt. Wenn ich dann nicht aufgestanden waere, waere ich wahrscheinlich nicht hier. Der Traum war so verdammt real..... Ist da noch etwas Speck in der Pfanne ?"
Bills bleiches Gesicht begann langsam Farbe anzunehmen und ich bewunderte ihn. Waehrend ich den Rest des Specks auf seinen Teller plazierte begannen langsam Wassertropfen von seinem eisverkrustetem Overall am Ofen zu fallen und er setzte seine Geschichte fort: Ich bin dann wieder im Kreis gelaufen. Nur nicht mehr hinlegen! Das Bild aus meinem Traum haette eh verhindert, dass ich mich irgendwie hinsetze.
Gluecklicherweise hatte der Wind etwas nachgelassen und ich stellte mit Erstaunen fest, dass ich fast am Gipfel von Eagle Summit war. Spaeter sah ich dann endlich mein Hundeteam im Tal. Erst wollte ich nicht glauben, dass dies mein Team war. Sie waren viel zu weit weg. Es erschien mir unmoeglich, dass ich so weit den Berg hochgelaufen war, aber dann glaubte ich meinen Schlafsack neben dem Schlitten zu sehen und bin den Berg hinunter gelaufen."
Er zuckte mit den Schultern: "Naja, danach sah ich dann die Trailmarkierungen weit links von mir. Die Hunde haben sich aus dem Schnee gewuehlt und.....", er lachte leise..."hier bin ich."
Etwas gedankenverloren fuegte er hinzu: "Es ist gut, dass ihr nicht gekommen seit um mich zu finden, denn ich haette eure Hilfe wahrscheinlich angenommen,und das haette mich vom Rennen disqualifiziert."
Von unserem Standpunkt aus haetten wir ihn wahrscheinlich gar nicht finden koennen, aber dies erwaehnten wir nicht. Seufzend stand er auf, betrachtete leicht missmutig seinen tropfenden Overall und meinte: "Ich muss mal nach meinen Hunden gucken.Bin gleich zurueck...."

Bill Pinkham erreichte die Ziellinie in Fairbanks am Sonntag,den 25.Februar um 17 Uhr 40. Er belegte damit den 15.Platz und kam grade rechtzeitig an um seine Hunde zu versorgen und eine dringend notwendige Dusche zu nehmen,denn um 19 Uhr begann die offizielle Yukon Quest Siegerkroenung im Westmark Hotel.
12 der 31 Musher,die das Rennen begonnen hatten mussten aufgeben. Fuer den 15.Platz wurde Bill beim Siegerfest ein Scheck in Hoehe von 1500 $ ueberreicht.


Text © Copyright Peter Kamper / Photo Courtesy of Fairbanks Daily News Miner


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